Theodor-Wolff-Preis für fünf Journalisten

22/06/2017

„All das wäre kaum zu ertragen ohne Menschen und Institutionen, die einen lieben und unterstützen“

Der seit 128 Tagen inhaftierte deutsch-türkische Autor Deniz Yücel ist am 21. Juni 2017 in Berlin mit dem Sonderpreis beim Journalistenpreis der deutschen Zeitungen – Theodor-Wolff-Preis (TWP) ausgezeichnet worden. Die erstmals vergebene Würdigung soll nach dem Willen von Jury und Kuratorium „zugleich ein Zeichen für die Pressefreiheit setzen, die in der Türkei und an vielen anderen Orten der Welt mit Füßen getreten wird“. Das sagte der Vorsitzende des TWP-Kuratoriums, Hermann Neusser, Verleger des Bonner „General- Anzeigers“, anlässlich der Festveranstaltung im Radialsystem V.

Auch Deniz Yücel selbst interpretierte den Sonderpreis nicht nur als „große Ehre“, sondern „als Zeichen der Anteilnahme mit meinen zahlreichen türkischen Kolleginnen und Kollegen, die größtenteils unter ähnlich absonderlichen Anschuldigungen, aber seit sehr viel längerer Zeit dieses und andere Gefängnisse des Landes füllen“. All das wäre, ließ der Türkeikorrespondent der „Welt“ über seine Anwälte mitteilen, „kaum zu ertragen ohne Menschen und Institutionen, die einen lieben und unterstützen und alles tun, was gerade nötig ist“.

Anstelle des inhaftierten Autors nahm seine Ehefrau Dilek Mayatürk-Yücel im Kreis zahlreicher Freunde und Unterstützer die vom Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) getragene Auszeichnung entgegen. Dilek Mayatürk- Yücel schilderte vor gut 300 geladenen Gästen aus Medien, Politik und Kultur den Druck und die Sorge, mit denen sie seit der Festnahme ihres Mannes lebt: „Wir laufen einen Marathon. Das ist kein Kurzstreckenlauf. Die Strecke ist lang, schwierig, ermüdend, voller Hürden. Und wir können die Zielgerade immer noch nicht sehen. Ich werde erst das Ziel erreichen, wenn Deniz wieder frei ist.“
  
Preisträger 2017: Anja Reich, Hans Monath, Marc Neller und Nicolas Richter

Moderiert von Jörg Thadeusz ging der mit 6000 Euro dotierte Journalistenpreis der deutschen Zeitungen – Theodor-Wolff-Preis 2017 in der Sparte Lokales an Anja Reich („Berliner Zeitung“) für „Die Deutschmacherin“. Die Autorin porträtiert darin in vielen kleinen Beobachtungen den Alltag einer Mitarbeiterin im Berliner Bürgeramt Neukölln, die darüber entscheidet, wer die deutsche Staatsbürgerschaft erhält und wer nicht.

Die ebenfalls mit 6.000 Euro dotierte Auszeichnung in der Sparte „Meinung“ erhält Hans Monath (Der Tagesspiegel“, Berlin), der in seinem Beitrag „Der Hochmut der Vernünftigen“ den Begriff des „imperial overstretch“ auf die waltenden politischen Verhältnisse anlegt und an zahlreichen Beispielen ebenso amüsant wie klar ausbreitet, weshalb gute Argumente bei breiten Bevölkerungsschichten auf erbitterten Widerstand stoßen.

Preisträger in der mit 6.000 Euro dotierten Sparte „Reportage“ ist Marc Neller, (Welt am Sonntag, Berlin). Er schildert in „Der Code des Bösen“ spannend wie ein Krimi und dabei sehr verständlich erklärt die Geschichte eines weltumspannenden Hacks.

Bei dem ebenfalls mit 6.000 Euro dotierten „Thema des Jahres“ hatte sich die Jury 2017 für „Populismus“ entschieden. Den Preis erhält Nicolas Richter, (Süddeutsche Zeitung, München) für „Klingt verrückt“. Richter hatte bereits im Januar 2016 den möglichen politischen Aufstieg Donald Trumps vorhergesagt, als die meisten Journalistenkollegen den Mann noch als clowneskes Politphänomen nicht ernst nahmen.

Für die Gäste der Preisverleihung sang die aus Tunesien gebürtige und heute in den USA lebende Solistin Emel Mathlouthi. Ihre Botschaft: „Kelmti Horra“ – „Mein Wort ist frei“. Ausschnitte aus den preisgekürten Beiträgen wurden vorgetragen von den Berliner Schauspielern Cristin König und Arnd Klawitter.
Die Nominierten wie auch die Preisträger und ihre Beiträge werden auf der Website www.theodor-wolff-preis.de näher vorgestellt.

Der Jury gehören an: Cordula von Wysocki (Chefredakteurin „Kölnische Rundschau“, Juryvorsitz), Nikolaus Blome (Stellvertretender Chefredakteur Politik und Wirtschaft „Bild“ und bild.de, Berlin), Wolfgang Büscher (Autor "Die Welt", Berlin), Dr. Markus Günther (Autor, „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“), Peter Stefan Herbst (Chefredakteur „Saarbrücker Zeitung“), Christian Lindner (Autor, Bad Breisig), Lorenz Maroldt, (Chefredakteur „Der Tagesspiegel“, Berlin), Professor Bernd Mathieu (Chefredakteur „Aachener Zeitung“ und „Aachener Nachrichten“) und Annette Ramelsberger (Gerichtsreporterin „Süddeutsche Zeitung“, München). Vorsitzender des Kuratoriums ist Hermann Neusser, Verleger des Bonner „General-Anzeigers“.

Der Journalistenpreis der deutschen Zeitungen – Theodor-Wolff-Preis ist die renommierteste Auszeichnung, die die Zeitungsbranche zu vergeben hat. Sie wird vom Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger ausgeschrieben und erinnert an den langjährigen Chefredakteur des legendären „Berliner Tageblatts“, Theodor Wolff (1868 – 1943). Wolff musste 1933 vor den Nazis ins französische Exil fliehen, wurde dort verhaftet und der Gestapo ausgeliefert und starb 1943 im Jüdischen Krankenhaus in Berlin.